Leitlinien und Policys

Grundregeln zur Vermeidung von Datensünden

Detail aus Hugo Vogels Gemälde „Luthers Thesenanschlag an der Schloßkirche zu Wittenberg“ (1890)

Richtlinien und Policys: Wozu werden diese benötigt?

Unter Forschungsdatenpolicys werden Richtlinien verstanden, die für alle Mitarbeiter einer Institution (z. B. Hochschulinstitut) festschreiben, welche Verfahren beim Forschungsdatenmanagement eingesetzt werden sollen. Solche begleitende Regelwerke (engl. policies) existieren nicht nur für wissenschaftliche Institutionen sondern auch für Förderorganisationen und sind mittlerweile eine wichtige Voraussetzung für den Umgang mit Forschungsdaten. In Deutschland gibt es fast noch keine Policys mit detaillierten Vorgaben sondern zumeist nur grundlegende Eigenverpflichtungen etwa zu den Prinzipien des Open Access oder zu den Regeln der „guten wissenschaftlichen Praxis“, dennoch haben inzwischen einige Universitäten den Umgang mit Forschungsdaten  in ihren eigenen Universitätsrichtlinien verankert. Weiterhin wurden Forschungsdatenpolicys in den Förderprogrammen der DFG und der EU festgelegt. Beispielsweise wurden im Pilotprojekt für offene Forschungsdaten des Horizon 2020-Programms entsprechende Policys zu Projektende erprobt,  indem die Teilnahme zum Einsatz von Datenmanagementplänen und zur Weitergabe der Forschungsdaten verpflichtete.[1]

Disziplinäre Richtlinien

Zum Thema Forschungsdatenpolicys finden sich unterschiedliche Regelwerke bei Institutionen, Journalen aber auch bei einigen Fachbereichen und bei interdisziplinären Organisationen. Die bedeutendsten Entwicklungen in diesem Raum werden im folgenden erläutert und die wichtigsten disziplinären, interdisziplinären und Journal Policys vorgestellt.

In den Geo-, Lebens-, und Sozialwissenschaften gibt es aufgrund des häufigen Umgangs mit sensiblen und/oder personenbezogenen Daten besonders vielfältige Richtlinien. Solche disziplinären Spezifikationen sind nötig, da wissenschaftliche Daten heterogen sind und der Umgang mit ihnen durch die fachlichen Wissenschaftskulturen geprägt ist. So gibt es beispielsweise in den Sozialwissenschaften die Dachorganisation der sozialwissenschaftlichen Datenarchive, die "Consortium of European Social Science Data Archives (CESSDA)", die ein Übereinkommen zur Zusammenarbeit der europäischen Datenarchive gebildet hat[2].

In den Lebenswissenschaften wirken insbesondere die „Gute klinische Praxis (GCP)“ und die „Grundsätze der Guten Laborpraxis (GLP)“ auf den Umgang mit Daten. Beide Grundsätze, die auf Ebene der OECD formalisiert wurden, sind in Deutschland durch die GCP-Verordnung des Arzneimittelgesetztes  und der GLP-Verordnung des Chemikaliengesetzes gesetzlich verankert[3].

Weitere disziplinäre Policys

Journalpolicys

Richtlinien von Zeitschriften kommt eine besondere Bedeutung zu. Der Zugang zu Daten, die Grundlage einer Publikation sind, ist zum einen im Rahmen der inhaltlichen Qualitätssicherung durch Peer-Review-Verfahren vonnöten. Zum anderen fördern Herausgebergremien und Verlage verstärkt die offene Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Daten. Je nach disziplinärem Fokus und tradiertem Umgang mit den Daten variieren diese Policys. In einigen Fachgebieten der Lebenswissenschaften ist dies bereits gängige Praxis (z. B. in Cell). Ähnlich konkrete Aussagen zur Veröffentlichung von Daten, die Grundlage einer Textpublikation sind, treffen einige Open-Access-Zeitschriften. Viele dieser Zeitschriften fördern häufig eine mögliche Nachnutzung der Daten (z. B. Plos One).

Journal

Was muss zur Verfügung gestellt werden?

Nature[4] (Zeitschriftenfamilie)

Materialien, Daten und die dazugehörigen Protokolle der Publikation

American Geophysical Union[5]

„Policy on Referencing Data in and Archiving Data for AGU Publications“, konkrete Anforderungen an Data Archive und die Zitierung von Forschungsdaten

American Economic Review[6]

Klar und genau dokumentierte Daten der Analyse, bei empirischen Arbeiten und auch Simulationen müssen Daten, Programme und Berechnung für die Reviewer vor der Publikation bereithalten

Plos One[7]

Daten und Materialien des veröffentlichten Artikels

Cell[8]

Materialien und Protokolle der veröffentlichten Experimente, z. B.: Nukleotid- und Proteinsequenzen in geeigneten Datenbanken (Worldwide Protein Data Bank), Zugang durch „accession number“

Die Entwicklung des Forschungsdatenmanagements im Zeitraffer

Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der DFG

Bereits im Jahr 1998 lieferte die DFG in Deutschland die Grundlagen zur Etablierung eines nachhaltigen Forschungsdatenmanagements durch ihre Denkschrift zur "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis". Mit „Empfehlung 7: Sicherung und Aufbewahrung von Forschungsprimärdaten“ gab sie einen ersten Denkanstoß zum professionelleren Umgang mit Forschungsdaten.

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Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen der führenden Wissenschaftsorganisationen

2003 unterzeichneten führende Wissenschaftler die „Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“. So erklärten sich diese bereit, neben dem Textzugang auch die Primärdaten im Internet frei zugänglich und nachnutzbar zu machen.

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Prinicples and Guidelines for Access to research Data from Public Funding von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)

2007 wurden von der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) Richtlinien zum Zugang von Forschungsdaten veröffentlicht, um den Austausch von Forschungsdaten zwischen den öffentlichen Forschungsgemeinschaften in den Mitgliedstaaten der OECD zu fördern.

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Forderung nach offenem Zugang zu qualitätsgesicherten Forschungsdaten im europäischen Forschungsraums

Erneute Forderung nach einem offenen Zugang zu qualitätsgesicherten Forschungsdaten in einer gemeinsamen Vision des europäischen Forschungsraums kamen 2008 von der European Science Foundation (ESF) und den European Heads of Research Councils (EUROHORCs).

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Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ gegründet und Leitbild verabschiedet

Die Initiative verfolgt das Ziel, 1.) digitale Publikationen, Forschungsdaten und Quellenbestände möglichst umfassend und offen bereit zu stellen und damit auch ihre Nachnutzbarkeit in anderen Forschungskontexten zu gewährleisten, 2.) optimale Voraussetzungen für die internationale Verbreitung und Rezeption von Publikationen und Forschungsdaten aus der deutschen Wissenschaft zu schaffen, 3.) die langfristige Verfügbarkeit der weltweit erworbenen digitalen Medien und Inhalte sowie ihre Integration in die digitale Forschungsumgebung sicherzustellen und 4.) IT-gestützte Formen des wissenschaftlichen Arbeitens durch innovative Informationstechnologien und digitale Methoden zu unterstützen.

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Präzision der Forderung nach offenem Zugang zu Forschungsdaten im europäischen Forschungsraums

EUROHORCs und ESF präsentieren ihre weiter ausgearbeiten Vorstellungen, einen offenen Zugang zu qualitätsgesicherten Forschungsdaten zu ermöglichen.

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Empfehlungen zur gesicherten Aufbewahrung und Bereitstellung digitaler Forschungsprimärdaten vom Ausschuss für Wissenschaftliche Bibliotheks- und Informationssysteme

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Grundsätze zum Umgang mit Forschungsdaten von der Allianz der Wissenschaftsorganisationen

In Deutschland wurde die Diskussion zum offenen Zugang zu Forschungsdaten 2008 im Rahmen der Schwerpunktinitiative „Digitale Information“ der Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen aufgegriffen und 2010 in „Grundsätze zum Umgang mit Forschungsdaten“ gebündelt.

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Basic Requirements for Research Infrastructures in Europe

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Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz

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Empfehlungen zur Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastruktur in Deutschland bis 2020 vom Wissenschaftsrat

2012 sprach der Wissenschaftsrat (WR) sich für die Zugänglichmachung wissenschaftlicher Publikationen und Forschungsdaten aus. Der WR empfahl, „(d)ie Regeln guter wissenschaftlicher Praxis der (…) um die Aufforderung zur Sicherung des externen wissenschaftlichen Zugangs zu Forschungsdaten sowie um Regeln für den Umgang mit Digitalisaten und Forschungsdaten“ zu ergänzen. An die Wissenschaftler bzw. ihre Verbände wurden die Empfehlungen gegeben, „(d)ie Erhebung und Publikation von Forschungsdaten (…) als eigenständige Forschungsleistung anzuerkennen“.

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G8 Science Ministers Statement

2013 verabschiedeten die Wissenschaftsminister der G8-Staaten eine gemeinsameErklärung zu einer Verstärkung der Zusammenarbeit in verschiedenen Gebieten der Forschungsförderung (Gov.UK).

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Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis (aktualisiert) der DFG

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Start des Open Research Data Pilot mit dem aktuellen Forschungsrahmenprogramm der Europäischen Union, Horizon 2020

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Management von Forschungsdaten – eine zentrale strategische Herausforderung für Hochschulleitungen von der Hochschulrektorenkonferenz

In einem Rundschreiben fordert die Hochschulrektorenkonferenz ein gemeinsames Vorgehen aller Akteure für eine erfolgreiche Umsetzung eines effektiven Forschungsdatenmanagements:

„Damit Maßnahmen zur Implementierung eines integrierten Forschungsdatenmanagements erfolgreich sein können, hat es grundlegende Bedeutung, dass die beteiligten Akteure einer Hochschule (Forscherinnen und Forscher – namentlich auch in Verbünden, Infrastruktureinrichtungen, Verwaltung, Leitung) ein gemeinsames Verständnis von der Bedeutung und vom Umgang mit digitalen Forschungsdaten entwickeln“.

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E-Science-Strategie des Landes Baden-Württemberg

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Leitlinien zum Umgang mit Forschungsdaten der DFG

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Was sollte eine Forschungsdatenpolicy beinhalten?

In Deutschland haben bislang die Universitäten Bielefeld, TU Darmstadt, HHU Düsseldorf, GAU Göttingen, Heidelberg, CAU Kiel, HU Berlin, BU Wuppertal, RWTH Aachen und die Forschungsinstitute GFZ und RKI solche Grundsätze verabschiedet. An der Universität Leipzig wird an einem Gesamtkonzept zum Umgang mit den in ihren Instituten erzeugten Forschungsdaten gearbeitet. An der Universität Hamburg unterstützt eine Open-Access-Policy den Umgang mit Forschungsdaten nach den Leitlinien der DFG. In Großbritannien haben bereits zahlreiche Hochschulen eine „Data Policy“ verabschiedet. Außerdem hat das Digital Curation Centre (DCC)  einen 5-Schritte-Ratgeber zur Policygestaltung zusammengestellt. Die Plattform CODATA veröffentlichte 2015 ein übergreifendes Memo zur FDM-Policy-Gestaltung „Current Best Practice for Research Data Management Policies“. In Deutschland wurden in den Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) die Entwicklung des Forschungsdatenmanagements an Hochschulen aufgegriffen.

Laut „Current Best Practise für Research Data Management Policies“ enthält eine gelungene FDM-Richtlinie die folgenden Kernelemente:

  • Eine Definition des Begriffs Forschungsdaten
  • Eine Definition der Daten, die der Policy unterliegen
  • Kriterien für die Auswahl zu veröffentlichender Daten
  • Einen Überblick über die Verantwortlichkeiten von Förderinstitutionen, Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Serviceinstitutionen
  • Einen Überblick über verfügbare Infrastruktur und über die Verantwortlichkeit für entstehende Kosten
  • Eine Verpflichtung, Datenmanagementpläne zu verwenden
  • Empfehlungen zur Vereinfachung der Nachnutzung von Forschungsdaten
  • Einen Überblick über Berichtspflichten und ggfs. Sanktionen

Forschungsdatenpolicys deutscher Universitäten und wissenschaftlicher Institute

Einzelnachweise

  1.  Guidelines on FAIR Data Management in Horizon 2020 , Version 3.0 (26. Juli 2016).
  2.  CESSDA (Council of European Social Science Data Archives), 2013: Statutes for CESSDA.
  3.  Siehe AMGGCP-V und ChemG, §19 a-d.
  4.  Siehe Special issue on Data Sharing (Nature, 2009) und Guide to Publication Policies of the Nature Journals (2009). 
  5.  Siehe AGU, Publications Data Policy (1996).
  6.  Siehe AER, Data Availability Policy (2016).
  7.   Siehe PloS ONE, Material and Software  Sharing.
  8.  Siehe Cell, Information for Authors (2011).